{"id":40022,"date":"2020-03-12T13:36:00","date_gmt":"2020-03-12T12:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.servicecitoyen.ch\/?p=40022"},"modified":"2022-08-17T19:25:09","modified_gmt":"2022-08-17T17:25:09","slug":"einer-fuer-alle-alle-fuer-einen-initiative-fuer-einen-buergerdienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/milizengagement.ch\/de\/einer-fuer-alle-alle-fuer-einen-initiative-fuer-einen-buergerdienst\/","title":{"rendered":"Einer f\u00fcr alle, alle f\u00fcr einen: Initiative f\u00fcr einen B\u00fcrgerdienst"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Interview von Hptm Frederik Besse mit No\u00e9mie Roten<\/h3>\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>12. M\u00e4rz 2020<\/p><\/blockquote>\n\n<p><p><em>Nur jeder f\u00fcnfte B\u00fcrger leitet noch Dienst in der Armee. Der Zivilschutz und verschiedene Feuerwehren klagen \u00fcber Personalmangel. Das heutige Milizsystem ist angeschlagen. Ein Verein, namens ServiceCitoyen.ch hat ein neues Rezept. No\u00e9mie Roten ist Co-Pr\u00e4sidentin. Im Interview erkl\u00e4rt die ehemalige Motorfahrerin, wie Sie sich das Milizsystem der Zukunft vorstellt.<\/em><\/p><\/p>\n\n<p><p><strong>Frau Roten, wie steht es um das Schweizer Milizsystem?\u00a0<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>No\u00e9mie Roten: In den K\u00f6pfen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger geht es dem Milizsystem gut. Milizarbeit als solches geniesst hohen Stellenwert. Allerdings gibt es eine Diskrepanz im Alltag, n\u00e4mlich bei dem was wir sagen und dem was wir tun. In der Tat nimmt das ehrenamtliche Engagement seit Jahren kontinuierlich ab. Das sp\u00fcrt man beispielsweise in der Kommunalpolitik und bei den freiwilligen Feuerwehren besonders stark.<\/p>\n\n<p><p><strong>F\u00fcr Sie ist der Milizdienst kein Fremdwort. Neben ehrenamtlicher Arbeit haben Sie auch Dienst als Motorfahrerin geleistet?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Genau, 2008 absolvierte ich die Rekrutenschule als Motorfahrerin. Ich war in unterschiedlichen Truppen eingeteilt. Bei der Sanit\u00e4t und Elektronischen Kriegsf\u00fchrung, um zwei Beispiele zu nennen. 2018 habe ich meine letzten Diensttage absolviert. Nun bin ich Ersatzrichterin im Milit\u00e4rgericht.<\/p>\n\n<p><p><strong>Wie sieht die Rolle der Armee im angestrebten Modell des B\u00fcrgerdienstes aus?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Grunds\u00e4tzlich soll Jeder und Jede einen Dienst f\u00fcr die Gemeinschaft leisten. Die Milizarmee ist integraler Bestandteil davon, wobei Ausl\u00e4nder vom Milit\u00e4rdienst ausgeschlossen sind. Mit dem B\u00fcrgerdienst hat die Armee einen weitaus gr\u00f6sseren Rekrutierungspool. Mit dem Einbezug der Frauen, verdoppelt sich das Potenzial, quantitativ sowie qualitativ. In diesem Dienst ist die Armee dann gleichgestellt mit anderen Dienstleistungen. Ein grosser Unterschied zum heutigen System, bei dem der Wehrdienst die prim\u00e4re Dienstleistung ist. Wenn man sich die Kohorte der heute 20-J\u00e4hrigen anschaut \u2013 also M\u00e4nner, Frauen und ans\u00e4ssige Ausl\u00e4ndern \u2013 dann merkt man, dass nur jeder 3. heutzutage \u00fcberhaupt Dienst leistet, nur jeder F\u00fcnfte in der Armee. Von einer allgemeinen Wehrpflicht kann heute also nicht die Rede sein, zunehmend auch in kultureller Hinsicht. Im Vergleich zum heutigen Wehrpflichtsystem bietet unsere Volksinitiative bzw. ein B\u00fcrgerdienst den Vorteil, dass Zivil- und Milit\u00e4rdienst entkoppelt w\u00fcrden: Milit\u00e4r- und Zivildienst k\u00f6nnten autonom organisiert und dadurch die Ressourcen zielgem\u00e4ss und optimaler eingesetzt werden. Mit dem B\u00fcrgerdienstprojekt wollen wir ein Gef\u00fchl des allgemeinen kollektiven Engagements wiederherstellen und das Engagement f\u00fcr die Allgemeinheit st\u00e4rken; der Dienst in der Armee wird attraktiver wahrgenommen, wenn sie als eine positive \u00abEngagement-Option\u00bb wahrgenommen wird und nicht als eine Einschr\u00e4nkung, die einigen wenigen auferlegt wird.\u00a0<\/p>\n\n<p><p><strong>Apropos Dienst in der Armee: Haben Sie eine Kaderausbildung dort absolviert?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Das nicht. Ich bin Soldat geblieben und wollte das auch so. Meine Motivation, um in der Armee zu dienen war nicht das Weitermachen, sondern der Dienst an sich.<\/p>\n\n<p><p><strong>Das erstaunt mich. Warum wollten Sie nicht von der F\u00fchrungserfahrung profitieren?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Lustig, dass Sie das auch erw\u00e4hnen. In meiner letzten Dienstleistung wurde ich ebenfalls mehrfach darauf angesprochen. Ich wollte mein Land von innen kennenlernen und wissen ob ich diese Herausforderung meistern kann. Nach meiner Matura suchte ich eine Challenge und meldete mich. Als freiwillig-engagierte Frau wurde mir in der RS gesagt, dass ich sowieso zum Weitermachen gesetzt sei. Ich wollte aber im Anschluss an die Rekrutenschule auf Reisen gehen und mit dem Studium weiterfahren. Gl\u00fccklicherweise hatte mein damaliger Stabsadjutant viel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr meine Karriere und Reisew\u00fcnsche. Auch ohne weitermachen habe ich viel gelernt in meiner Dienstzeit. Im Initiativkomitee haben wir oft dar\u00fcber gesprochen, wie unfair es sei, dass Frauen von wichtigen F\u00e4higkeiten und Vernetzungsopportunit\u00e4ten, welche die Armee vermittelt, nicht profitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n<p><p><strong>Welche F\u00e4higkeiten sind das f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Wie man sich in Stress-Situationen bew\u00e4hrt oder Verantwortung \u00fcbernimmt zum Beispiel. Klar, Frauen k\u00f6nnen dies nat\u00fcrlich in der Armee erlernen \u2013 es gibt jedoch eine weitere H\u00fcrde f\u00fcr sie im Vergleich zu den M\u00e4nnern: Die Freiwilligkeit. Zuerst muss eine junge Frau den Schritt auch wagen. Ich bin mir sicher, dass wenn der Dienst in der Armee zu einer M\u00f6glichkeit in einem obligatorischen B\u00fcrgerdienst wird, sich viel mehr Frauen melden werden.<\/p>\n\n<p><p><strong>Sie kennen den milit\u00e4rischen Dienstbetrieb. Dort wird fr\u00fch morgens bis sp\u00e4t in die Nacht gearbeitet. Soldaten gehen nicht t\u00e4glich nach 17 Uhr nach Hause. Es ist klar, dass die Armee wohl die unbequemste Dienstleistung sein wird in der Auswahl. Wird ihr das zum Verh\u00e4ngnis?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Es ist klar, dass die Organisation der Armee mit der entsprechenden Tagesstruktur unabdingbar f\u00fcr unsere Sicherheit ist. Gewisse Einbussen an Komfort ist unvermeidbar, das ist mir klar. Die Suche nach \u00abKomfort\u00bb ist aber kein universelles, menschliches Streben; Viele Menschen, die Sport-, Abenteuer-, Intensiv- oder Leistungsberufe aus\u00fcben, etc. sind nicht prim\u00e4r an Komfort interessiert. Die Armee bietet einen Rahmen, um sich auf psychischer und physischer Ebene zu behaupten, sowie einen \u00abEsprit de Corps\u00bb und die Kameradschaft, dem anderen Diensten nicht gewachsen sind. Sie bietet auch einzigartige Ausbildungs- und Kompetenzbildungsm\u00f6glichkeiten, insbesondere in den Bereichen Governance, Sicherheit und zunehmend auch Cybersicherheit \/ ITBerufe. Bemerkenswert ist, dass die Initiative nur ein Verfassungsprinzip festlegt. M\u00f6glicherweise k\u00f6nnten die Eins\u00e4tze der Zukunft z.B. auch in Stunden anstatt Tagen abgerechnet werden.<\/p>\n\n<p><p><strong>Mit der Annahme der Initiative k\u00e4me es zu einem entscheidenden Wechsel. Bisher hat die Schweiz ihre B\u00fcrger zur Verteidigung verpflichtet \u2013 Nun soll es Arbeit sein?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Wir wollen keine Arbeitspflicht einf\u00fchren. Es geht um das Engagement f\u00fcr die Gemeinschaft; Verteidigung geh\u00f6rt zu den \u00f6ffentlichen Aufgaben. Heute ist es aber so, dass viele staatliche und \u00f6ffentliche Aufgaben ehrenamtlich \u00fcbernommen werden. Der B\u00fcrgerdienst sieht sich ideologisch dem Zitat von Pr\u00e4sident Kennedy nahe: \u00abFrage nicht was dein Land f\u00fcr dich tun kann, frage dich was du f\u00fcr dein Land tun kannst\u00bb. F\u00fcr mich kommt es zu keinem Systemwechsel. Vielmehr passen wir ein bew\u00e4hrtes Prinzip an neue Begebenheiten an.<\/p>\n\n<p><p><strong>Kritiker sind der Meinung, dass die Initiative als Zwangsarbeit gelten k\u00f6nnte.\u00a0<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Dem stimme ich nicht zu. Der Zivildienst wird schliesslich heute auch nicht als Zwangsarbeit bezeichnet. Im Grund genommen, kann man unsere Bestrebung als Erweiterung der heutigen Wehrpflicht auf Frauen mit zus\u00e4tzlichen Wahlfreiheiten ansehen. Wenn das Volk sich in einem demokratischen Entscheid f\u00fcr eine solche B\u00fcrgerpflicht entscheidet, ist das eine Selbstverpflichtung. Dies steht im Einklang mit den internationalen Konventionen. Eine Selbstverpflichtung ist faktisch und ideologisch weit von der Zwangsarbeit entfernt.<\/p>\n\n<p><p><strong>Wie planen Sie die Bef\u00fcrworter der Wehrpflicht zu \u00fcberzeugen?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Die Armee kann aus einem breiteren Talentpool rekrutieren. Ausserdem definieren wir die Sicherheit breiter als heute. Die Armee wird weiterhin durch den B\u00fcrgerdienst alimentiert und nun f\u00f6rdern wir auch andere Bereiche in der Gesellschaft. Beispielsweise der innere Zusammenhalt der Schweiz. Die Alimentierung der Armee liegt mir sehr am Herzen. Mit der Annahme der Initiative werden die Best\u00e4nde der Angeh\u00f6rigen der Armee zum ersten Mal verfassungsm\u00e4ssig garantiert sein. Das k\u00f6nnte ein wichtiger Meilenstein in der Schweizer Sicherheit werden.<\/p>\n\n<p><p><strong>Zu guter Letzt: K\u00f6nnen Sie uns Ihre sch\u00f6nste Erinnerung aus dem Milit\u00e4rdienst erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p><\/p>\n\n<p>Roten: Da gibt es nicht nur eine! Was mich am meisten ber\u00fchrte, war die Vielfalt der Lebenswege und pers\u00f6nlichen Geschichten, die meine Kameraden mit mir teilten. Ich habe so viele Menschen am Steuer kennengelernt, die ich ausserhalb der Armee nie getroffen h\u00e4tte. Ich durfte unterwegs die Geschichten meiner Beifahrer zuh\u00f6ren und mich mit Ihnen austauschen. Das waren bereichernde Erfahrungen, welche ich so nur in der Armee erleben durfte.\u00a0<\/p>\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><p>Dieses Interview ist im \u00ab<a href=\"https:\/\/www.schweizer-soldat.ch\/2020\/03\/einer-f%C3%BCr-alle-alle-f%C3%BCr-einen-initiative-f%C3%BCr-einen-b%C3%BCrgerdienst.html\">Schweizer Soldat<\/a>\u00bb vom 12. M\u00e4rz 2020 erschienen<\/p><\/p><\/blockquote>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Initiative<\/h3>\n\n<p>\u00abEiner f\u00fcr alle, alle f\u00fcr einen\u00bb, dr\u00fcckt f\u00fcr die Initianten das Ideal einer aktiven Solidarit\u00e4t und der individuellen Verantwortung aus. Der Verein ServiceCitoyen.ch schl\u00e4gt vor, die Dienstpflicht neu zu denken. Dies in Form eines B\u00fcrgerdienstes, mit dem Fokus Mensch und Umwelt. Der Verein will den B\u00fcrgerdienst 2020 als Volksinitiative lancieren. Die Kernaspekte der Initiative sind:\u00a0<\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Jede B\u00fcrgerin und jeder B\u00fcrger leistet einen Milizdienst,<\/li><li>Die Milizinstitutionen (Armee, Zivilschutz, Zivildienst, etc.) werden als gleichwertig betrachtet,<\/li><li>Der Sollbestand der Armee ist garantiert,<\/li><li>Das Gesetz bestimmt, inwiefern Personen ohne Staatsb\u00fcrgerschaft eine Dienstleistung leisten (Armee ausgenommen).\u00a0<\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview von Hptm Frederik Besse mit No\u00e9mie Roten 12. M\u00e4rz 2020 Nur jeder f\u00fcnfte B\u00fcrger leitet noch Dienst in der Armee. Der Zivilschutz und verschiedene Feuerwehren klagen \u00fcber Personalmangel. Das heutige Milizsystem ist angeschlagen. Ein Verein, namens ServiceCitoyen.ch hat ein neues Rezept. No\u00e9mie Roten ist Co-Pr\u00e4sidentin. 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